Uns fehlt Orientierung in der Freimaurerei und das ist gut so

Orientierung im freimaurerischen Sinne ist ein ambivalenter Begriff. Denn so sehr wir auch in der Freimaurerei als Suchende oder Brüder nach Orientierung suchen, so sehr wird uns auf dem Weg bewusst, dass wir genau die in unserem Bund nicht bekommen. Denn dort wo man in den Religionen Dogmen und Regeln von Autoritäten bekommt, ist es in der Freimaurerei das Individuum, dass sich diese Orientierung selbst schaffen muss. Wir haben Hilfsmittel, insbesondere das Ritual und die Symbolik aber wir haben niemanden, der uns von Schritt zu Schritt führt. Unsere Gerade erreichen wir mit dem Ablauf von Fristen und nicht in Relation zu unserer Entwicklung. Das ist grundsätzlich bedauerlich aber wohl dem Umstand geschuldet, dass in den Logen sonst eher Willkür und Sympathie bei der Beförderung die zentralen Kriterien wären. Orientierung im klassischen Sinne, kann es in der Freimaurerei nur in Bezug auf unsere Werte geben aber die sind fix, an die müssen wir uns eigentlich nur erinnern. 

Diese Situation hat positive wie negative Aspekte. Für den Bruder, der Orientierung benötigt, Anreize, Inspiration und Motivation, für den können Vorträge oder ältere Brüder hilfreich sein. Sind aber weder erfahrene Brüder noch geeignete Themen in der Loge verfügbar, dann wird es schwer. Die Logen haben hier nicht immer die Möglichkeiten, Fragen angemessen zu beantworten oder die jungen Brüder adäquat zu begleiten. Wir erleben alle in den Logen, wie erfahrene Brüder die Loge in den ewigen Osten verlassen und wir haben nur selten die Strukturen, das Wissen in der Loge weiterzugeben. Unsere Instruktionen können helfen aber in vielen Logen, genießt der Unterricht eine geringere Priorität, weil Know How und Ressourcen fehlen. 

Hier könnten Angebote der Großlogen manchmal eine Lücke schließen aber hier ist noch Luft nach oben. Gut, dass es ergänzende Angebote gibt, wie die Forschungslogen Quatuor Coronati und Frederic oder nicht zuletzt auch Vereine wie die Wolfstieggesellschaft. Wir können sehr dankbar sein für alle Brüder, die Content anbieten, sei es als Buch, Social Media Posts, Workshop oder Vortrag. Der Aufwand dafür ist enorm und verdient Dankbarkeit.

Natürlich birgt die Orientierungslosigkeit und die Freiheit bei diesen Angeboten die Gefahr der mangelnden Qualität. Allerdings können wir feststellen, dass die meisten Beiträge doch recht anspruchsvoll sind und die Kritik oft eher eine „Ich finde das Thema nicht gut.“-Debatte als eine qualitative im Detail ist. Und manchmal ist es auch nur aus einer Haltung geboren, die darauf beruht, dass „Wenn ich das nicht mache, soll es auch kein anderer tun!“ im Vordergrund steht, also der Wunsch nach inhaltlicher Dominanz ohne die Kompetenz sich selbst in den inhaltlichen Diskurs einzubringen. Hier brauchen wir tatsächlich Orientierung und zwar nicht ín Form von Zensur, sondern als Hinweis auf Vielfalt, Offenheit und inhaltliche Debatte.

Es ist gut, dass wir den Bruder auf dem freimaurerischen Weg nicht drängen, sondern ihm gemäß seines eigenen geistigen Entwicklungszustand die Möglichkeit geben, einen individuellen Weg zu gehen. Darin liegt eine große Qualität der Freimaurerei und eine Chance für jeden Bruder. Leider muss man feststellen, dass dieses Konzept auch viele überfordert und so auch manch einen orientierungslos in der Loge zurücklässt. Hier braucht es ohne Zweifel die beschriebenen Angebote und die Logen sind aufgefordert, Weg zu diesen Angeboten aufzuzeigen. 

Ein problematischer Effekt der Orientierungslosigkeit ist, dass die Suche nach Orientierung zu einer Überbetonung formaler Strukturen führen kann. Da wird diskutiert über Posten, Verantwortung, Regeln und noch lieber über Regelverletzungen. Großlogen kommen auf aberwitzige Ideen, wie Unvereinbarkeit mit anderen Organisationen oder dem Ausschluss von Mitgliedern. Brüder gefallen sich selbst auf Posten und in Kommissionen oder beschäftigen sich mit Ehrengerichtsverfahren. Alles im Grunde das Gegenteil von dem, worum es in der Freimaurerei gehen sollte.

Insbesondere die Sache mit der Unvereinbarkeit ist im Grunde das schlimmste Virus der Orientierungslosigkeit. Denn sie befriedigt oberflächlich ein Bedürfnis nach Hierarchie und Orientierung aber verrät dabei grundsätzliche freimaurerischen Werte, nämlich, die Offenheit und die Toleranz. Zudem wendet sie sich gegen die Brüder, die interessiert sind, die ihren Horizont erweitern wollen und die übergreifend und frei von Vorurteilen das Miteinander im Bund leben wollen. Regularität ist nicht ohne Sinn, denn sie schützt Inhalte und verhindert Beliebigkeit. Bei den in den letzten Jahren zunehmend auftauchenden Unvereinbarkeitsdebatten, die absurderweise auch noch im Widerspruch mit der UGLE stehen ist das anders. Diese Form der Orientierung ist eine Geburt der Angst vor Neuem und dem niederen Instinkt des Machterhalts. Die postulierte Sorge, dass die Brüder mit vermeintlich falschem Gedankengut konfrontiert werden könnten, ist letztendlich elitär und paternalistisch und passt nicht zu einem Bund, der freie Männer von guten Ruf besser machen will. Ein Bund von Männern, die frei von Vorurteilen sein wollen, offen für den Diskurs und vor allem motiviert, sich selbstkritisch mit der eigenen Organisation und sich selbst auseinanderzusetzen. Diese doch eher egodominierten Phänomene sind vielleicht geeignet, den jungen Brüdern zu zeigen, wie man es als Maurer nicht machen darf, aber letztendlich sind sie Gift für den Bund und Verrat am freimaurerischen Ideal.

Die Freimaurerei ist vielfältig und sie verändert sich. Diese Veränderung birgt immer die Gefahr der Profanisierung mit sich und den Verlust oft nicht vollständig verstandener Inhalte. Sie ist aber auch nötig, weil das Freizeitverhalten und die Lebenssituationen der Menschen ebenso wie die Sprache heute anders sind als vor zwanzig oder dreißig Jahren. Orientierung im Sinne eines Curriculums kann und sollte es nicht geben, denn damit würden wir uns nur einschränken und vor allem die Brüder nicht genug zur eigenen Verantwortung und Reflektion anregen. Sehr wohl braucht es aber Angebote und zwar so viele und so vielfältig wie möglich. Nur so kann der Bruder herausfinden, welchen Schwerpunkt er bei seiner Entwicklung setzen will. Möchte er die Geselligkeit, die Veredlung des Charakters, die Ausbildung von Selbstbewusstsein, das Erlernen von Toleranz oder aber auch Kenntnisse der Philosophie, der Esoterik oder die Unterstützung auf dem eigenen spirituellen Weg für sich entdecken. 

Jede Richtungsdiskussion ist trotz des Wunsches zu orientieren zum Scheitern verurteilt, weil sie immer polarisieren wird und damit eher verwirrt als orientiert. Außerdem wirkt sie immer spaltend und niemals vereinend oder öffnend, wie es bei uns sein sollte. Sollte man mit so einer Diskussion aufgrund von guten Netzwerken und der eigenen Macht innerhalb der Organisation erfolgreich sein, dann würde man zwar orientieren aber die Freimaurerei kleiner machen als sie ist. Vor allem aber würde man die Grundwerte der Freimaurerei in Frage stellen, denn in der darf es nie um das Durchsetzen von eigenen Positionen gehen und erst Recht nicht um das dominieren anderer. Als Freimaurer kann und darf es uns immer nur darum gehen, unseren eigenen Horizont zu erweitern und uns für neue Gedanken zu öffnen, die Einheit in der Vielfalt zu leben und die Unterschiede wertzuschätzen.

Insofern braucht die Freimaurerei nicht mehr Orientierung, sondern Möglichkeitsräume und Inspiration. Das einzige wo wir Orientierung wirklich in den Vordergrund stellen sollten, sind unsere Werte. Die Entwicklung der brüderlichen Toleranz, das Freuen über Aktivitäten anderer, die Lust am offenen Diskurs und die Akzeptanz anderer Positionen als die eigene. Ebenso sollten wir klar orientiert sein, dass Formalia und Hierarchien für die Organisation zwar notwendig, für den einzelnen aber unwichtig sind und die Arbeit am eigenen rauen Stein dafür alles ist. 

Nicht andere orientieren, sondern uns selbst, das ist die Aufgabe jedes ernsthaften Freimaurers. Das Ritual gibt uns dafür alle Orientierung die wir brauchen.

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