In Kooperation zwischen der Loge Zum Silbernen Schlüssel im Orient Bremen und der Hochschule für Künste.

25.11.2018

Liebe Gäste und liebe Brüder,

Nachdem wir nun schon von dem vom Direktor des Gerhard-Marcks Hauses Arie Hartog schon viel über die Künstlerin, die wir heute auszeichnen gehört haben, fällt es mir nicht leicht, noch substanzielles hinzuzufügen. 

Aber wir vergeben den Kunstpreis nicht als Kunstverein, sondern als Freimaurer Loge und deshalb soll dieses Thema nicht ungenannt bleiben. 

Mit diesen jetzt folgenden Worten geht es mir darum, noch eine freimaurerische Perspektive auf dieses heute ausgestellte Werk zu ergänzen. Und dabei möchte ich gar nicht so sehr auf die Positionen in diesem Raum eingehen, sondern ein wenig zu den Verbindungen von Kunst zur Freimaurerei erzählen. 

Wie auch bei den letzten Kunstpreisträgern so ist auch das Werk von Mayuko Kudo bei den Brüdern der Loge nicht unumstritten. Sie fordert uns heraus. Und genau darum geht es in der Freimaurerei, um die Auseinandersetzung mit unserem Innersten.

Kunst läßt die wenigsten Menschen kalt. Nicht jeder liebt sie aber fast jeder kommt in irgendeiner Weise in Resonanz mit ihr. Ob man nun begeistert oder berührt ist, oder im Gegensatz dazu verunsichert, jedesmal hat diese Reaktion etwas mit einem selbst zu tun. Das Werk ist in gewissen Sinne wie ein Spiegel, dass uns etwas von unserem Innersten zeigen kann.

Das Gefühl, das wir empfinden hilft uns, mehr über uns selbst herauszufinden. Es geht also um Selbsterkenntnis und schon sind wir sehr dicht an dem, was die Freimaurerei bedeuten kann. Denn die Selbsterkenntnis ist der Kern der Freimaurerei.

Die Freimaurerei ist ein Kind der Aufklärung und da liegt es nahe, wenn man davon ausgeht, dass wir uns nur mit dem Verstand dieser „Ich-Erkenntnis“ nähern können. Dem ist aber nicht so.

Der Weg zur Selbsterkenntnis führt über Herz und Bauch, denn der Kopf kann die Wahrheit nur selten erkennen. Viel mehr ist er unser Hilfsinstrument, um das, was wir mit Herz und Bauch wahrgenommen haben, auch zu verstehen und darüber sprechen zu können. Nicht umsonst reden wir vom sog. „Bauchgefühl“. Je älter wir werden, desto mehr lernen wir dieses „Bauchgefühl zu schätzen, denn es spielt uns seltener Streiche als unser Gehirn. 

Die Kunst ist ein Werkzeug, das den Weg über Auge, Bauch und Herz nehmen kann und den Verstand nicht wirklich braucht. 
Natürlich hilft uns eine gute Erklärung aber sie sollte immer nur den Zugang zur eigenen Anschauung ermöglichen, diese aber nicht ersetzen. 

Genau das ist es, was der Freimaurer im Ritual erlebt. Es gibt kein Lehrbuch, und keine Glaubenssätze, sondern Symbolik, die sich dem Suchenden anbietet auf dem Weg zu dem „Erkenne Dich selbst“. 

Die Freimaurerische Symbolik ist reich. Man findet Bilder aus dem alten Testament, aus Ägypten, aus den Bauzünften und auch einiges, was aus der hermetischen oder alchemistischen Tradition stammt. Es ist ein eklektisches Sammelsurium aus vielen Jahrtausenden, dass Freimaurer seit mehr als 300 Jahren jeden Tag auf´s Neue herausfordert. Denn die Bedeutung jedes einzelnen Symbols erschließt sich erst in der Interaktion mit dem Betrachter. Da funktioniert das Symbol genauso wie ein Kunstwerk, über das man auch viele schlaue Worte schreiben und sagen kann, dass aber doch immer wieder individuell erlebt werden will.  

Auch Mayuko Kudo´s Kunst wirkt auf den ersten Blick wie ein Sammelsurium. Wir finden Skulpturen neben Videos, neben Bildern. Erst kommt die Idee, dann das Medium. Hier geht es nicht um Strategien, sondern um den passenden Weg, den Gefühlen Ausdruck zu verliehen. Wir Freimaurer erschaffen nicht, wie ein Künstler. Unser Blick richtet sich nach innen und nicht auf die anderen. Aber so wie ein Künstler seine Idee in ein Kunstwerk transformiert, so transformieren wir unseren Blick nach innen. Im besten Fall führt das zu einer Weiterentwicklung unseres selbst und zu einem veränderten und besseren Handeln im täglichen Leben. 

Als Freimaurer geht es uns um das eigene Wachstum, die Vervollkommnung unseres Geistes und die Schulung der Wahrnehmungsfähigkeit. Die Kunst hilft uns dabei genauso, wie unsere eigenen Symbole es tun. Sie löst in uns etwas aus, regt uns an, über Dinge nachzudenken und schafft damit die Projektionsfläche für unseren Charakter und unseren Geist.

Warum vergeben wir als Loge einen Kunstpreis?

Als Kind der Aufklärung lieben wir Literatur, Musik und Kunst, denn neben der Nahrung für die Seele haben diese Künste immer schon gutes für die Menschen und die Gesellschaft gebracht, weil sie die Menschen bewegt haben und Dinge angestoßen wurden. 

Kunst hat provoziert, berührt und inspiriert. Sie war Initiator und Begleiter von gesellschaftlichen Entwicklungen.  
Die Kultur und so auch die Kunst sind die Nahrung einer humanitären Gesellschaft und damit ein unverzichtbarer Baustein einer humanitären Welt. 

Die Kunst gehört zu den Disziplinen und Tugenden, die der Mensch studieren sollte, um an ihr zu wachsen. Die Kunst macht die Welt ein Stück reicher und besser und baut Brücken zwischen den Kulturen. Die Kunst kommuniziert in einer universellen Sprache, so dass sie von jedem Menschen egal welcher Nationalität verstanden werden kann. Dieses weltumspannende und einende ist ein wesentliches Element der Kunst – aber auch ein wesentliches Merkmal der Freimaurerei. 

Bei uns gibt es keine Schranken. Wir kennen keinen Unterschied zwischen arm oder reich, zwischen links oder rechts, zwischen Christen, Muslimen oder Juden. Die Freimaurerei ist universell, konfessionslos und unabhängig – so wie die Kunst. 

Eine weitere Parallele zwischen der Kunst und der Freimaurerei ist der Umstand, dass beide schon immer zur Gesellschaft dazugehört haben. Angefangen mit den Höhlenmalereien über die Antike, der Renaissance über die Moderne in die Postmoderne, war und ist Kunst immer Bestandteil des menschlichen Miteinanders. Und das im Wohlstand wie in Krisenzeiten. 

Auch die Freimaurerei war im Grunde immer da. 

Auch wenn wir im letzten Jahr erst das 300 jährige Bestehen gefeiert haben, so wissen wir heute, dass es schon im 16. Jahrhundert erste Logen gab und wir kennen vergleichbare Initiationsriten aus allen Zeiten bis zurück ins alte Ägypten. So wie der Wunsch, sich in Bildern, Tönen oder Formen auszudrücken wohl immanent zum Mensch sein dazu gehört so scheint es auch mit der Suche nach Erkenntnis und der Arbeit am eigenen Selbst bestimmt zu sein. Nicht für jeden Menschen ist es relevant aber zu jeder Zeit an jedem Ort gab es Menschen, die diesem Weg gefolgt sind.  

Die Freimaurerei steht für Werte: Für Freiheit, Gleichheit, Humanität, Brüderlichkeit und für Toleranz. 

So wie die Freimaurerei hatte es auch die Kunst nicht immer leicht, mit diesen Werten, denn diese sind nicht in jeder Gesellschaft und zu jeder Zeit von allen respektiert worden. Gerade in der heutigen Zeit scheint es die Toleranz wieder besonders schwer zu haben.

Kunst ist nicht dazu da ist, um zu gefallen, sondern sie hat vollkommen unabhängig von unserer Beifallsbekundung ihren Wert. So wie auch jeder Mensch seinen Wert hat, unabhängig davon, was andere Menschen über ihn denken. 

Mayuko Kudo sagte mir, dass sie die Inspirationen, die sie in sich spürt nicht in ihrem Körper behalten kann, sondern dass sie sich gerne mitteilen möchte. Sie muss zum Ausdruck bringen, was sie innerlich antreibt.

Auch hier sind wir Freimaurer ganz ähnlich motiviert. Auch wir spüren einen Impuls, dem wir nachgeben müssen, ohne dass er uns vordergründig Vorteile verschafft. Auch wir folgen wohl so etwas wie einem Ruf in unserem Herzen.

Es ist ein drängender Impuls, der uns dazu antreibt, Fragen zu stellen und mehr von der Welt, den Menschen und der Schöpfung zu verstehen. So wie der Künstler danach strebt, seine Inspiration nach außen zu bringen, so suchen wir nach innerer Erkenntnis. Im Gegensatz zum Künstler, können wir diese nicht präsentieren und auch oft nicht einmal beschreiben. Wir können nur durch unser Handeln beweisen, dass wir auf dem Weg einen Schritt nach vorne gekommen sind. 

In den Bildern von Mayuko Kudo, die sehr abstrakt gehalten sind, finden wir Farben. Farben, die für Menschen stehen. Sie erzählte mir, dass sie diese Farben nicht sehen kann, aber durchaus ein Gefühl im Kontakt mit Menschen hat, dass in Farben ausgedrückt werden kann. 

Vielleicht hat ein Künstler mehr Wahrnehmungsmöglichkeiten als viele andere Menschen, weil er sensitiver ist. Vielleicht setzt er auch nur seine Gefühle in Farben und Formen um. Wie auch immer dies geschieht, das Entstehen von Kunst ist auf alle Fälle ein faszinierender Prozess. 

Ein Prozess der in seiner Individualität und seiner Faszination mit den unterschiedlichen Wahrnehmungen eines Freimaurerischen Rituals zu vergleichen ist. 

Der Grund dafür liegt in der Offenheit der Symbolik und der Texte, die zwar für sich schon eine Botschaft haben, sich aber erst in Resonanz mit der eigenen Psyche zu dem Inhalt werden, den wir als Mensch wahrnehmen, der auf uns wirkt und der uns zu tieferer Erkenntnis führt. 

Die Freimaurerei ist so wie die Kunst ein Angebot. Manchmal trifft sie uns tief ins Herz, manchmal berührt sie uns nur an der Oberfläche. Manchmal sind wir offen für diese Impulse, manchmal stehen andere Dinge im Vordergrund und der Weg ins Innerste ist verschlossen. Beides ist hoch individuell und von seinen Wirkungen nicht vorhersehbar. Genau darin liegt die Kraft, die Faszination der Kunst und vielleicht auch das viel gerühmte „Geheimnis“ der Freimaurerei.

Kunst und Freimaurerei sind beide eine verlässliche Größe. Wir wissen, dass es sie gibt, sie sind immer für uns da. Beide halten einen unendlichen Schatz für uns parat, wenn wir uns öffnen und uns berühren lassen. Wir wissen dass wir uns ihr jeden Tag nähern können, um von diesem Schatz zu profitieren. Und wenn wir heute nicht dazu gekommen sind, dann haben wir morgen wieder eine neue Chance dazu. 

Meist arbeiten Künstler bis ins hohe Alter, weil die innere Stimme sie dazu auffordert und ein Leben nicht ausreicht, um all die Impulse und Inspirationen aus der mentalen Welt in die reale Ebene zu bringen. 

Auch das ist bei uns Freimaurern ganz ähnlich. Wir arbeiten ein Leben lang am rohen Stein, wobei wir zugeben müssen dass das Resultat eines behauenem kubischen Steins auf den ersten Blick weit hinter den beeindruckenden Werken der Künstler zurückbleibt. 

Der Unterschied ist aber natürlich, dass wir den kubischen Stein nicht in der realen Welt verwirklichen sondern symbolisch in uns selbst. Mit dem Ziel, uns charakterlich zu veredeln um, damit die Voraussetzungen für eine spirituelle Entwicklung zu schaffen.
Dieser Weg ist dann doch wieder ein kleines Kunstwerk.

So wie wir uns in der Freimaurerei einem Ideal nähern, so tut dies auch die Kunst. Sei es im Falle der Venus von Milo oder der Mona Lisa dem Ideal der Schönheit oder im Fall von Mayuko Kudo dem Ideal ihrer eigenen Inspiration. 

Die meisten von uns spüren mehr oder weniger bewußt diesen Impuls, einem Ideal zu folgen oder es zu verwirklichen. Ob wir das in unserem Beruf tun, bei der Pflege unseres Gartens oder beim Schminken vor dem Spiegel. Das Streben nach Schönheit und ist dem Menschen ein tiefes Bedürfnis und äußert sich in unendlichen Varianten. Die großen Symphonien sind aus dieser Motivation entstanden, wie auch die Werke von Goethe oder Novalis. 

Mayuko Kudo gibt uns Inspiration und regt uns an, weiter auf dem Weg der Erkenntnis voranzuschreiten. Dafür können wir Mayuko, wie allen anderen Künstlern dankbar sein. Ich freue mich sehr, dass wir dieses Jahr wieder jemand gefunden haben, den wir mit Stolz auszeichnen können und der unser 

Auch von meiner Seite herzlichen Glückwunsch für die Auszeichnung und die besten Wünsche für die künstlerische Zukunft. 

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