an Matthias Ruthenberg 

am 22.11.2015

Sehr geehrter Herr Prof. Grüner, sehr geehrter Prof. Vetter, liebe Gäste und liebe Brüder,

Der Philosoph Hans Georg Gadamerhat folgendes zur Parallele von Freimaurerei und Kunst geschrieben:

„Im Kunstwerk stellt sich dem Zuschauer die Wahrheit von Dasein und Welt dar und wird von ihm selbst als Wahrheit anerkannt. Im Kunstwerk wird ausgelassen, hervorgehoben, übertrieben, ans Licht gebracht, was sich sonst verhüllt und entzieht. Was wir am Dargestellten wiedererkennen, lässt uns mehr von dem uns bereits Bekannten entdecken, als wir vorher wussten. Die Vertrautheit, mit der das Kunstwerk uns anrührt ist zugleich auf rätselhafte Weise Erschütterung und Einsturz des Gewöhnten. Das Werk sagt uns: „Das bist Du!“

Das „Das bist Du“ kann man auch als das „Erkenne Dich selbst“ interpretieren und schon sind wir sehr dicht an dem, was die Freimaurerei bedeuten kann. 

Müssen wir uns der Aufgabe des Erkennens nicht mit dem Kopf und Verstand nähern? Schiller sagte dazu: „Der Weg muss durch das Herz geöffnet werden.“  Und damit hat er Recht, denn der Kopf kann die Wahrheit nur selten erkennen. Viel mehr ist er unser Hilfsinstrument, um das, was wir mit Herz und Bauch wahrgenommen haben, auch zu verstehen und darüber sprechen zu können. Die Kunst ist ein Werkzeug, das den Weg über Auge, Bauch und Herz nehmen kann und den Verstand nicht wirklich braucht. 

Genau das ist es, was der Freimaurer im Ritual erlebt. Es gibt keine Lehre, und keine Glaubenssätze, sondern Symbolik, die sich dem Suchenden anbietet auf dem Weg zu dem „Erkenne Dich selbst“. 

Warum vergeben wir als Loge einen Kunstpreis?
Nun zuerst einmal sind wir der Kunst sehr immer schon gewogen, denn nicht umsonst nennen wir unsere Arbeit „die königliche Kunst“. Auch wenn wir als Freimaurer wohl zu bescheiden sind, uns selbst Künstler zu nennen. Viel mehr sind wir Lehrlinge, die egal in welchem Grad wir uns befinden am Leben, an der Kunst und anderen Dingen lernen, ein Leben lang.

Als Freimaurer geht es uns um das eigene Wachstum, die Vervollkommnung unseres Geistes und die Schulung der Wahrnehmungsfähigkeit. Die Kunst hilft uns dabei genauso, wie unsere eigenen Symbole es tun. Sie löst in uns etwas aus, regt uns an, über Dinge nachzudenken und schafft damit die Projektionsfläche für unseren Charakter und unseren Geist. 

Die Freimaurerei steht auch für Werte: Für Freiheit und für Toleranz. Die Auswahl von Matthias Ruthenberg als Preisträger 2015 war sicher auch von diesen Werten geprägt.

Nicht jeder Freimauer ist auch Kunstkennerund auch gibt es sehr unterschiedliche Vorstellungen davon, was Kunst ist und was nicht. Daher ist das Werk Ruthenbergs durchaus in der Lage auch innerhalb der Loge zu polarisieren.

Genau das ist es was Gadameruns mit seinen eben zitierten Worten sagen wollte. Ob wir nun in Verzückung ob der Schönheit geraten, ob wir verwirrt sind  aufgrund der Konfrontation mit Neuem oder auch wenn wir so etwas wie Abscheu empfinden vor der Hässlichkeit einer künstlerischen Position, jedesmal sind wir angerührt und etwas in uns resoniert mit dem Kunstwerk. Sei es das Innere selbst oder auch der verdrängte Schatten. Wenn es so etwas wie einen Qualitätsbegriff in der Kunst gibt, dann ist es vielleicht die Kraft, mit der das Werk uns vermag anzurühren, auf welche Weise auch immer.

Bei der Betrachtung der Werke im Atelier des Künstlers kam auch den auswählenden Brüdern hier und da ein fragender Gedanke: „Ist das wirklich Kunst?Oder kann das nicht jeder? Habe ich so etwas nicht auch schon selbst während eines langweiligen Telefonats in mein Notizbuch gemalt?

Je länger wir mit Matthias sprachen und je länger wir sein Werk betrachteten, desto mehr wurde uns klar, dass es sich bei den heute ausgestellten Werken eben nicht um beiläufig dahin geworfene Skizzen handelt sondern sich in ihnen eine tiefe Auseinandersetzung mit der Linie im zweidimensionalen Raum zeigt. 

Bei unserem Besuch in seinem Atelier waren wir nicht nur mit seinem Werk konfrontiert, sondern auch mit einem Menschen, der trotz zugegebenermaßen gewöhnungsbedürftiger Tattoos am ganzen Körper Jauf uns eine große Faszination ausübte. Und ich traue mich zu sagen, dass es die Kombination von Werk und Mensch war, die uns alle gemeinsam zu einem klaren Votum geführt hat.

Formal finden wir Ähnlichkeiten in Ruthenbergs Werk zu bestimmten Symbolen de Freimaurer. Immer wieder tauchen Muster aus Rechtecken auf, wie wir sie vom musivischen Pflaster in Salomons Tempel kennen. Seine Werke mögen einem auf den ersten Blick wie Wiederholungen vorkommen aber bei intensiver Beschäftigung mit dem Werk stellt man fest, dass sich Matthias Ruthenberg mit jedem Werk anderen Facetten der Linie widmet, sie im Raum neu platziert und sie  zu neuen Kompositionen verknüpft. 

In dieser Form ähneln die Werke auch den unterschiedlichen Wahrnehmungen eines Freimaurerischen Rituals, dass sich ebenfalls immer der gleichen Mittel bedient und doch jedes Mal anders wahrgenommen werden kann.

Matthias Ruthenberg arbeitet bewusst mit der „Nichtperfektion“ und mit dem Fehler. Wir sehen Geraden, die gar nicht den Anschein erwecken wollen, mit dem Lineal gezeichnet zu sein, sondern gerade ihren Ausdruck in der unregelmäßigen Form finden. In Kombination mit verwaschenen Flächen werden die Linien zu Rahmensetzungen, die den Raum für weitere Spekulationen eröffnen. 

Solche Spekulationen sind auch den Freimaurern nicht fremd, denn seine Aufgabe ist es, die Menschen ums ich herum zu verstehen und sich selbst immer näher zu kommen. 

Wir sehen radierte Linien. Diese geben Zeugnis des Prozesses beim Entstehen der Bilder. Ruthenberg hat sich entschieden, diese Linien nicht zu eliminieren sondern sie sichtbar zu lassen, so dass sie nicht nur eine Entwicklungsstufe in der Evolution des Werkes darstellen, sondern auch eine eigene Aussage bekommen. Die Korrekturen sagen uns „Hier wollte der Künstler hin aber der Weg hat sich als anders heraus gestellt“. Wie oft erleben wir als Menschen genau dies. „Leben ist das, was passiert, während du dabei bist, andere Pläne zu schmieden“ hat John Lennon gesagt. Und auch er hat nicht weniger Recht als die großen Dichter und alten Meister. 

Jeder von uns, der schon ein paar Jahre gelebt hat, wird bestätigen können, dass das Leben oft andere Wege eingenommen hat, als geplant und dass gerade die kleinen Spuren und Narben dieser Veränderungen unserem Leben entscheidende Impulse gegeben haben und uns als Persönlichkeit entscheidend geprägt haben. 

Dieser bewusste Umgang mit dem Fehler, der als solcher gar kein Fehler ist, sondern nur ein Schritt im Leben, ist in gewisser Weise prägend für das Werk von Matthias Ruthenberg, genauso, wie es die Wiederholung gilt oder auch die Verwendung der immer wieder gleichen Stilmittel. 
Stück für Stück immer ein wenig weiter zu dem was im Herzen vorformuliert wurde und ans Licht der Welt dringen soll. So wie sich das künstlerische Werk entwickelt, so entwickelt sich auch der Freimaurer auf seinem Weg als Bruder in der Kette. 

Für uns Freimaurer ist dieser Weg des Künstlers gut nachvollziehbar, denn auch wir gehen jeden Tag Schritte im profanen Leb en, die uns nicht immer ans gedachte Ziel aber immer einen Schritt weiter auf unserem freimaurerischen Weg führen. 
Wir können uns also in dem Werk von Matthias Ruthenberg erkennen, ganz egal welche Reaktion es auch in uns hervorruft. 

Für sich genommen ist seine Arbeit ein Faszinosumund die Brüder, die die Aufgabe hatten, einen Preisträger für diese Jahr zu finden, waren sich nach kurzer Zeit einig, dass wir mit Matthias einen würdigen Preisträger gefunden haben, der nicht nur im künstlerischen Kontext einen wichtigen Beitrag leistet, sondern auch uns als Freimaurern Impulse für das eigenen Wirken liefert.

Verstehen heißt wachsen. Die Offenheit und der Mut, unbekanntes zu erforschen ist für den Freimaurer immer ein Ziel, nach dem er sein Handeln ordnet.
Unter diesem Motto wollen wir uns dem durchaus kontroversen Werk nähern und gemeinsam herausfinden was der Künstler der Welt, den Menschen und uns Brüdern zu sagen hat. 

Ich bin sicher, dass jeder für sich etwas aus der Betrachtung mitnehmen kannund ich wünsche mir sehr, dass viele Menschen ob Brüder oder nicht, mit diesem Werk konfrontiert werden. 

Wir freuen uns sehr, gemeinsam mit ihm im Anschluss an die Pause ins Gesprächzu gehen, um noch mehr von seinem Werk, seinen Intentionen und seinen Herausforderungen zu lernen. 

Wie Sie gemerkt haben, sehen wir heute nicht nur das Werk von Matthias Ruthenberg, sondern auch eine Ausstellung von 20 Jahren Kunstpreis der Loge. Mit allen ausgezeichneten Werken der letzten zwei Jahrzehnte. Hier sieht man, welche Bandbreite die werke haben, die wir hier ausgestellt haben und ich freue mich sehr, dass das Werk von Matthias Ruthenberg diese Reihe noch bereichert. 

Herzlichen Glückwunsch! 

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